48 — Wissen
Schimmel hinter dem Kasten: warum die Wand dahinter kippt
Der Befall wird fast immer zufällig entdeckt: beim Umzug, beim Umstellen, beim Ausräumen. Dann ist die Wand hinter dem Kasten schwarz, obwohl im Zimmer nie etwas zu sehen war. Das ist kein Zufall, sondern Bauphysik — und sie lässt sich gut erklären.
Warum wird die Wand hinter dem Kasten so kalt?
Eine Außenwand bekommt ihre Wärme von der Raumluft. Im freien Teil der Wand strömt ständig warme Luft vorbei und hält die Oberfläche einige Grad über der Außentemperatur. Steht ein Kasten davor, fehlt dieser Wärmenachschub. Die Rückwand des Möbels wirkt wie eine Dämmschicht auf der falschen Seite: Sie schirmt die Wand vom warmen Raum ab, nicht vom kalten Außenklima.
Die Folge ist eine Oberfläche, die im Winter spürbar kälter ist als die freie Wand daneben. Wie groß der Unterschied ist, hängt von Wandaufbau, Außentemperatur, Möbeltiefe und Wandabstand ab. In ungedämmten Bestandsbauten, wie sie in Wien und Niederösterreich häufig sind, ist er deutlich größer als in einem gut gedämmten Neubau.
Dazu kommt, dass die Luft im Spalt kaum ausgetauscht wird. Feuchte, die mit der Raumluft hinter das Möbel gelangt, bleibt dort. An der kalten Oberfläche steigt ihre relative Feuchte, und genau diese Größe entscheidet, ob Schimmel wachsen kann.
Wie viel macht ein paar Grad an der Wand aus?
Die Raumluft kann völlig normal sein und die Wand hinter dem Kasten trotzdem im kritischen Bereich liegen. Ein Rechenbeispiel mit derselben Raumluft von 20 °C und 55 Prozent relativer Feuchte zeigt, warum: Entscheidend ist allein, wie kalt die jeweilige Oberfläche ist.
In der Bauphysik gilt eine relative Feuchte von rund 80 Prozent an der Oberfläche über mehrere Tage als der Bereich, ab dem mit Schimmelwachstum zu rechnen ist. Hinter einem Kasten wird dieser Wert schon bei wenigen Grad Unterschied zur freien Wand erreicht.
| Stelle | Oberflächentemperatur | Relative Feuchte an der Oberfläche | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Freie Außenwand | 16 °C | rund 71 % | unauffällig |
| Wand hinter dem Kasten | 14 °C | rund 80 % | kritisch, wenn es anhält |
| Ecke hinter dem Kasten | 13 °C | rund 86 % | kritisch |
Welche Möbel und Stellen sind besonders betroffen?
Am anfälligsten sind große, geschlossene Möbel, die bis zum Boden reichen und dicht an der Wand stehen. Je breiter die abgedeckte Fläche und je näher sie an einer Außenecke liegt, desto kälter wird die Wand dahinter. In der Praxis zeigt sich der Befall besonders oft an folgenden Stellen:
- Einbaukästen und Schrankwände an einer Außenwand, vor allem in Außenecken
- Betten mit dem Kopfteil oder der Längsseite an der Außenwand
- Einbauküchen mit Oberkästen an Außenwänden
- Sofas, Regale mit Rückwand und schwere Vorhänge vor kalten Wandflächen
- Wände hinter Möbeln in wenig beheizten Räumen wie Schlafzimmer oder Abstellraum
Was ist zu tun, wenn beim Umstellen Schimmel auftaucht?
Zuerst festhalten, dann handeln. Fotografieren Sie Wand und Möbelrückwand mit Datum, notieren Sie Größe und Lage und rücken Sie das Möbel so weit ab, dass die Stelle abtrocknen kann. Nicht trocken abbürsten, weil dabei Sporen aufgewirbelt werden.
Die Rückwand des Möbels ist oft mitbetroffen. Spanplatten und Pressholz nehmen Feuchte auf und lassen sich schlecht reinigen; ob ein Möbelstück noch verwendet werden kann, hängt vom Ausmaß ab.
In einer Mietwohnung sollte die Hausverwaltung oder der Vermieter zeitnah informiert werden, bevor etwas entfernt oder überstrichen wird. Ob die Ursache eher im Aufstellen der Möbel, im Lüften und Heizen oder in der Wand selbst liegt, lässt sich am Fleck allein nicht ablesen — dafür braucht es die fachliche Prüfung und im Zweifel eine Messung über einige Wochen.
Wie stellt man Möbel an einer Außenwand richtig auf?
Eine feste Norm für den Wandabstand gibt es nicht. Bewährt haben sich einige Zentimeter Luft zwischen Möbel und Wand, häufig werden rund fünf Zentimeter genannt, und eine offene Luftführung unten und oben, damit warme Raumluft hinter das Möbel strömen kann. Möbel auf Füßen sind günstiger als solche mit geschlossenem Sockel.
Wo es der Grundriss zulässt, gehören große Kästen an Innenwände. An bekannten kalten Stellen, etwa in einer Außenecke mit Vorgeschichte, ist ein offenes Regal oder gar kein Möbel die bessere Wahl. Und der Raum sollte in der Heizperiode nicht stark auskühlen, weil die Wand hinter dem Möbel sonst noch kälter wird.
Ob eine Stelle trotz Abstand kritisch bleibt, zeigt sich im Winter. Wer an einer Außenwand schon einmal Befall hatte, sollte in der Heizperiode gelegentlich hinter die Möbel schauen.
Wo setzt San-Care an?
San-Care ist Ansprechpartner für Messung und Frühwarnung in Wohngebäuden in Wien und Niederösterreich und wird in der Regel von der Hausverwaltung oder vom Eigentümer beauftragt. Ein Messpunkt direkt an der Wandfläche hinter oder neben dem Möbel erfasst Temperatur, relative Luftfeuchtigkeit und Taupunkt alle 15 Minuten. Die Plattform meldet anhaltend kritische Bedingungen, der Monatsreport ordnet die Verläufe fachlich ein.
Damit lässt sich sachlich eingrenzen, ob die Stelle nur in Kälteperioden kritisch wird oder dauerhaft, und ob ein Abrücken der Möbel die Werte tatsächlich verbessert hat. Die Messpunkte haben keine Kamera, kein Mikrofon und keine Anwesenheitserkennung.
Begriffe in diesem Text
Kurz erklärt.
- Schimmel
- Ein Pilzbefall auf Bauteiloberflächen, der entsteht, wenn dort über längere Zeit ausreichend Feuchtigkeit vorhanden ist.
- Oberflächentemperatur
- Die Temperatur der Wand- oder Bauteiloberfläche selbst, die deutlich unter der Temperatur der Raumluft liegen kann.
- Kritische Oberflächenfeuchte
- Der in der Bauphysik übliche Richtwert, ab dem an einer Bauteiloberfläche mit Schimmelwachstum zu rechnen ist: rund 80 Prozent relative Feuchte über einen längeren Zeitraum.
- Wärmebrücke
- Eine Stelle im Bauteil, an der Wärme schneller nach außen abfließt als daneben — die Oberfläche bleibt dort kälter.
- Taupunkt
- Die Temperatur, bei der die Luft ihre Feuchtigkeit nicht mehr halten kann und Wasser sich niederschlägt.
- Anzeigepflicht
- Die Pflicht des Mieters, dem Vermieter Schäden ohne Verzug zu melden, deren Behebung Sache des Vermieters ist.
Häufige Fragen
Was dazu gefragt wird.
Nächster Schritt
Ein Objekt. Drei Monate. Dann wissen Sie es.
Der Pilot ist absichtlich klein: zehn Messpunkte in einem Ihrer Objekte, drei Monate lang. Danach liegt ein Report auf dem Tisch — und Sie entscheiden mit Daten statt mit Gefühl.
- rasch und persönlich
- keine Kamera, kein Mikrofon
- Zustimmung vorausgesetzt
- Wien & Niederösterreich